FIDE OPEN 2017: Revanchezeit und das böse Erwachen

Weil ihnen einmal Dresden zu wenig war, machten sich die mutigen Kämpfer Sadko, Alv und meine Wenigkeit ein zweites Mal auf den Weg in die sächsische Landeshauptstadt zu den FIDE-OPEN 2017, welche parallel zu der "Challenge" und den "UKA German Masters" liefen, wo sich die besten deutschen Spieler duellierten.
Alv bewies seinen Mut bereits bei der Wahl, in der A-Gruppe bei den Besten mitspielen zu wollen. Sadko entschied sich, trotz der Meinung vieler, es nicht zu tun, in der C-Gruppe mitzumischen und ich spielte dort ebenfalls mit, weil ich keine andere Wahl hatte. Die Chance für meine Revanche für meine Niederlage gegen Sadko bei der Dresdner Stadtmeisterschaft war somit gegeben. Bereits vor Turnierbeginn war uns beiden klar, dass die Wahrscheinlichkeit für das vereinsinterne Auftaktduell hoch ist, dennoch hatten wir beide nicht wirklich Lust darauf. Im Turniersaal im schönen Wyndham Garden Hotel kam es dann so, wie es das Schicksal wahrscheinlich wollte...

Das Wyndham Garden Hotel Dresden

Während Sadko noch einen Parkplatz suchte, hatte ich noch etwas Zeit, mich seelisch und moralisch auf diese Partie einzustellen. Mit gemischten Gefühlen nahm Sadko nach einigen Minuten an der Seite mit den schwarzen Steinen gegenüber von mir Platz. "Bringen wir es hinter uns", dachten wir uns beide.
Sadko spielte seine Französische Verteidigung, brachte mich allerdings schon bei Zug 3 zum Grübeln: Nach 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sd2 spielte er auf einmal völlig unerwartet 3.... b6.

Nach einigen Sekunden fiel mir wieder ein, dass Sadko in seinen Blitzpartien seinen Läufer immer gerne über a6 abtauscht, wenn er die Gelegenheit dazu hat. Da ich dies natürlich verhindern wollte, stellte ich ihm (wenn auch mit gemischten Gefühlen) die Falle 4.c3, in die er ohne mit der Wimper zu zucken mit 4.... La6?? hineintappte. Erst als er die Uhr betätigte, fiel ihm auf, welchen fatalen Fehler er begangen hatte. Auf der einen Seite erfreut, diesen Zug zu sehen, auf der anderen Seite bereits jetzt schon mit ihm leidend, ließ ich meine Falle zuschnappen: 5. Lxa6 Sxa6 6. Da4+ c6 7. Dxa6 und Sadko gab auf. So hatten wir uns die Revanche nun wirklich nicht vorgestellt. Aber es ist so, wie es ist. Mit einem anfangs noch unguten Gefühl konnte ich mich schon über meinen ersten Punkt freuen und als erster Spieler des Turniers meinen Ergebniszettel abgeben. Für mich der Startschuss eines tollen Turniers, für Sadko eher der erste Pflasterstein des Highway to Hell ...
Da ich leider zu inkompetent bin, Alvs "Notationsschwierigkeiten" zu einer sinnvollen Partie zusammenzusetzen, will ich an dieser Stelle nicht mutmaßen, wie er sein Erstrundenspiel verloren hat.

In Runde 2 ging der Horror für Sadko weiter, als er es mit dem ersten von vielen Jungtalenten zu tun bekam. Während der kleine Dai schneller zog als Anand zu seinen besten Zeiten, geriet Sadko (mal wieder) in Zeitnot und verpasste am Ende die Gewinnabwicklung. Stattdessen stellte er seine Dame, die zu dem Zeitpunkt seine letzte verbleibende Figur war (gegen Läufer und Turm), einzügig ein und musste dann aufgeben.
Und während ich mich darüber ärgern muss, in der (etwas) besseren Stellung meiner Gegnerin Remis geboten zu haben, was sie auch noch angenommen hat, wurde Alv mit den schwarzen Steinen in seiner Partie Opfer der Taktikkeule:

Nach 17.... Sxc5?? gab Alv nach dem nächsten Halbzug auf. Sucht selber mal  😉 

Auch in Runde 3 fand Alv nicht ins Turnier, als er sich dieses Mal sein Grab selbst schaufelte und leider im frühen Mittelspiel den einzigen Zug fand, der ihn sofort eine Figur kostete. Statt die Figur zu geben, versuchte Alv mit Turm gegen Dame weiterzukämpfen, musste aber wenig später aufgeben, da ein weiterer Figurenverlust nicht mehr abzuwenden war.
Für Sadko dagegen lief es besser: Dieses Mal spielte er einen älteren Herren an die Wand und konnte seinem Gegner am Ende mit einem taktischem Kniff den KO geben:

Schwarz stellte mit 25.... Df5?? die Partie endgültig ein. Auch hier solltet ihr die Lösung relativ schnell finden 😉

Ich konnte in Runde 3 meine Form bestätigen und holte gegen die gesetzte Nummer 1 der C-Gruppe (DWZ 1838) ein Remis. Am Ende musste ich mich darüber aber sogar ärgern, weil ich die Partie durch ein simples Königsmanöver locker hätte gewinnen können. Bevor ich mich jetzt weiter über meine Luxusprobleme beschwere, kommen wir schnell zu Runde 4:

Sadko bekam sein zweites Jungtalent in Form von Charis Peglau; der Beginn einer wundervollen Beziehung zu ihr und ihrer Familie.

Kapitel 1 von 3 des Duells zwischen Einzelkämpfer Sadko P. und Familie Peglau

Seine DWZ schwinden sehend, spielte Sadko sehr solide, fügte seiner Gegnerin zeitig eine Schwäche zu und profitierte von der Gier seiner Gegnerin, unbedingt den anrüchigen b-Bauern fressen zu wollen, was sie mit dem Verlust der Dame bezahlen musste.
Stand: Sadko 1-0 Familie Peglau.
Ich dagegen bekam meinen ersten Dämpfer, als ich mich in einem (wahrscheinlich) ausgeglichenem, wenn auch anspruchsvollen Turmendspiel dazu entschloss die Türme zu tauschen und das Spiel zu gewinnen. Der einzige Haken an der Sache jedoch war, dass das Spiel nach dem Turmtausch hoffnungslos verloren ist. Allerdings gab mir mein Gegner später noch eine Chance, einen halben Punkt mitzunehmen, welche ich nicht nutzen konnte:

Hier patzte mein Gegner mit 48... h5??, was mir die Möglichkeit gibt, einen halben Punkt zu retten. Die Auflösung für dieses Problem gebe ich euch am Ende des Berichts mit.

Im Mittelspiel sah es für mich kurz brenzlig aus; ich konnte aber alles halten.

Alv hatte durch sein Spielfrei die nötige Zeit, um die beiden Bilder zu machen.
Am selben Abend fand im Rahmenprogramm des Hauptturniers noch ein Blitzturnier statt, wo natürlich auch wir drei antraten. Aus 11 Runden holte Alv mit einem Score von 4.5 die meisten Punkte. Ich konnte nach schlechtem Mittelteil noch 4 Punkte herausholen, während Sadko bei 3.5 Punkten landete. Zu seinem Unglück verpasste er im letzten Spiel ein #1.

Runde 5 war für uns die aus Teamsicht schlechteste Runde des gesamten Turniers.
Alv konnte seine kleine Pause leider nicht nutzen und unterlag erneut, nachdem er zu aggressiv seine Königsstellung entblößte. Mein Spiel verlief im Mittelspiel (sehr) passiv, aber dann gab meine Gegnerin mir die Möglichkeit, ihre Angriffsfiguren abzutauschen, wonach völliger Ausgleich vorherrschte. Im Endspiel hatte ich dann eine Chance, ihr den vollen Punkt abzunehmen. Wie auch in den vorherigen Runden verpasste ich meine Möglichkeit:

Zu meinem Ärgernis ereignete sich die brisante Szene gerade in Zug 40 und ich hatte nicht mehr viel Zeit auf der Uhr. Verzweifelt versuchte ich 40... b4! funktionieren zu lassen, verrechnete mich allerdings gleich um mehrere Tempi und kam zu dem Ergebnis, dass es noch nicht funktioniert. Auch 40... h4! führt zum Sieg. Unter dem Zeitdruck spielte ich 40... Kd6??, woraufhin sie mit 41. b4 das Remis festmachte.
Dies ist jedoch kein Vergleich zu Sadkos Spiel, der es zum zweiten Mal mit Familie Peglau zu tun bekam, dieses Mal mit der 14-jährigen Sarah. Zunächst sah alles gut aus. Sadko gewann sehr früh einen Springer und einen Bauern. Dummerweise bekam seine Gegnerin später drei verbundene Freibauern am Damenflügel und hier fing Sadko leider an, das Endspiel falsch zu behandeln. Am Ende musste er seine Mehrfigur opfern, was aber auch nichts mehr änderte. Ein weißer Bauer auf g2 reichte aus, um Sadkos Gegenspiel am Königsflügel (bei Materialgleichheit) völlig auszubremsen. Nach langem Kampf musste Sadko am Ende aufgeben; eine ganz bittere Partie. Stand: Sadko 1-1 Familie Peglau.

In Runde 6 sah das ganze dann schon wieder etwas besser aus. Sadko konnte durch positionelle Fehler seines Gegners diesen völligst an die Wand spielen und so einen ungefährdeten Sieg einfahren. Alv dagegen fand auch in seinem fünften Spiel kein Glück. Im Mittelspiel konnte sein Gegner erneut eine Figur "opfern". Schlechter stehend steckte Alv dann noch einen Springer ins Geschäft, um einen Mattangriff zu starten, der leider relativ schnell ausgetrocknet werden konnte. Am Ende der Geschichte hatte Alv drei Bauern weniger auf dem Brett und gab dann auf.
Ich bekam in meiner sechsten Partie zum ersten Mal 1.d4 aufs Brett (zuvor immer 1.e4) und spielte eine Art Hybrid aus Nimzo- und Damenindisch. Im Mittelspiel, wo Weiß Raum am Damenflügel gewinnen konnte, übersah er dann in folgender Stellung meine Drohung, die ich zunächst selbst nicht bemerkt hatte:

Auch hier sollt ihr selber mal nach der gewinnbringenden Kombination für Schwarz suchen 😉 

Runde 7 sieht das dritte und damit (vorerst 😉 ) letzte Kapitel des Duells zwischen Sadko und Familie Peglau. Persönlich vom Trainer der Familie, GM Teske, begrüßt worden (was für Sadko das Highlight des Tages [wenn nicht sogar des Turniers] war), entwickelte sich zwischen der achtjährigen Dora Peglau und Sadko eine offene Partie, in der es Sadko gelang, den weißen Läufer schlecht zu stellen und so in das bessere Endspiel überzuleiten. Mit einem Mehrbauern konnte Sadko die Partie am Ende gewinnen und geht so mit einer positiven Bilanz gegen die Familie aus dem Turnier: Endstand: Sadko 2-1 Familie Peglau. Die einzige Peglau, gegen die Sadko nicht spielen musste, belegte am Ende übrigens Platz 6.
In meiner Partie versuchte sich mein Gegner an einem frühen Angriff auf meine Königsstellung, allerdings konnte ich durch Kontrolle des Zentrums und einem Angriff am Damenflügel an Zugriff gewinnen und transferierte die Partie in ein für mich gewonnenes Endspiel, in dem mein Gegner dann noch einen Turm einstellte, woraufhin er aufgab.
Für Alv nahm das Drama weiter seinen Lauf und er verlor erneut; dieses Mal in einem Turmendspiel, indem er noch zwei mal in verlorener Stellung frech Remis bot.
Damit war der Schachtag aber noch nicht ganz abgeschlossen. Während wir drei beim Griechen vergeblich auf die Ansetzungen der A-Gruppe warteten, erfuhren wir im Hotel, dass die Partie zwischen IM Vladimir Zakhartsov und GM Sergei Ovsejevitsch erst nach 217 Zügen ein (für den GM positives) Ende genommen hat, was die fehlende Ansetzung erklärte. Diese Partie stellt die sechstlängste aufgezeichnete Partie der Schachgeschichte dar und dauerte durch den neuen Modus ca. sieben Stunden.

In Runde 8 gelang Alv endlich der erste Sieg.

In der vorletzten Runde 8 war dann die Pechsträhne für Alv endlich beendet und er holte sich nach ziemlich überzeugender Vorstellung endlich seinen ersten Sieg. Sadko bekam erneut ein Jungtalent als Gegner, welcher auf Teufel komm heraus ein Remis haben wollte, obwohl er sogar das bessere Turmendspiel auf dem Brett hatte. Er wollte das Remis so sehr, dass er Sadko schon vor Zug 40 Remis angeboten hat, obwohl dies durch die Turnierregeln untersagt war. Die Partie endete in Dauerschach. Ich bekam zum ersten Mal überhaupt mit dem schwarzen Steinen eine Englische Eröffnung aufs Brett, die ich in einen Halbslawen transferieren konnte. Nachdem ich mich aufgestellt hatte und verzweifelt versuchte, das weiße Zentrum auszuhebeln, patzte ich und verpasste in folgender Stellung die richtige Abwicklung:

Nach 16.Sd2 war ich froh, endlich 16...e5 spielen zu können. Nach 17.dxe5 spielte ich jedoch direkt 17... Sxe5?. In der Abwicklung, die ich gesehen hatte, würde ich nach 18.Lxe5 Dxe5 19.cxb6 axb4 20.axb4 Lxb4 mein Ziel erreicht haben. Leider hat Weiß eine bessere Abwicklung:
18. cxb6 und meine Dame ist überlastet. 18... Db8 19.Lxe5 Dxe5 20. bxa5 +-. Nach langem Kampf konnte ich gegen die Freibauern jedoch nichts mehr ausrichten und musste letztendlich aufgeben.

In der letzten Runde 9 wollten wir alle dann noch einmal richtig angreifen. Durch unseren engen Zeitplan erschienen wir geschlossen fünf Minuten zu spät an unseren jeweiligen Brettern. Als ich dann auch noch einen mir unbekannten Sizilianer aufs Brett bekam, schwand bei mir jede Motivation und ich schlängelte mich mit Minusbauern durch die Partie. Die Luft war für mich nach einer Woche Turnier einfach raus. Am Ende reichte dieser Minusbauer jedoch, um mir die dritte Niederlage des Turniers zuzufügen. Alv konnte sein Turnier dagegen immerhin positiv abrunden, was aber mehr an seinem Gegner mit den Initialien AS lag, der es tatsächlich irgendwie schaffte, trotz 30-Sekunden-Zeitaufschlag, seine Zeit ablaufen zu lassen. Alv hätte aber auch ohne die Trödelei seines Gegners souverän gewonnen:

Der Moment der ZÜ von AS. Alv mit Schwarz.

Bei Sadko sah es lange Zeit (ähnlich wie bei mir) so aus, als ob er ebenfalls nur noch um den halben Punkt kämpfte. In gewonnener Stellung griff seine Gegnerin dann aber bitterböse daneben:

Dies soll das letzte Rätsel für heute sein. Wie gewinnt Schwarz (schnell) nach 22. De2?? ?

Nach einem positiven Ende für Sadko und Alv erzielten wir also dieses Turnierergebnis:

Schachfreund Siege Remis Niederlagen Spielfrei Alte DWZ Neue DWZ
Alv 2 0 (wow!) 6 1 1859 1840
Sadko 5 1 3 0 1701 1652
Timon 3 3 3 0 1326 1505

Wir können also folgendes Turnierfazit ziehen:

  • Alv hat hautnah erfahren, was es heißt, sich mit den Besten messen zu wollen.
  • Sadko wird sich für kommende Turniere sehr genau überlegen, ob er wirklich noch einmal C-Turnier spielen will; immerhin kann man sich da sehr schnell seine DWZ ruinieren ...
  • Ich bin mit mir zufrieden, nicht zuletzt auch wegen dem großen DWZ-Sprung. Allerdings muss ich in Zukunft meine Chancen besser verwerten und mir dringend (Bauern-)endspiele anschauen.
  • Ich habe es irgendwie geschafft, öfters Remis zu bieten als Alv.  😯

Auf die nächsten Turniere!

P.S. Ich bin euch noch die Auflösung zum dritten Rätsel schuldig. In der Partie entschied ich mich zu 49.Kb4??, was den halben Punkt wieder wegwirft. Remis halten 49.f6! und 49.gxh5!
Bei ersterem ist die Idee, mit dem König nach 49.gxf6 50.gxh5 an den Bauern heranzulaufen, während der schwarze König zu lange braucht, die weißen Bauern einzusammeln. 49.gxh5 basiert auf der selben Idee.

Ein Gedanke zu “FIDE OPEN 2017: Revanchezeit und das böse Erwachen

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