Sonntags bei Grün-Weiß …

Nach den weniger erfolgreichen letzten beiden Punktspielen wollten wir die Saison schon noch ordentlich zu Ende bringen, was mit einem 5:3 bei Grün-Weiß und recht amüsanten Partien vorerst gelang. Schaun wir mal, was bei Fortuna am letzten Spieltag passiert ...

Der ganz große Druck war nicht mehr auf der Leitung - unser Abstiegsrisiko bewegte sich nur noch im theoretischen Bereich und bei den leider punktlosen Grün-Weißen stand der Abstieg auch schon fest.

Durch einen gegnerischen Figureneinsteller (Diagramm und Geschichte weiter unten) hatte ich das Glück, mir schon nach 2 Stunden in Ruhe die laufenden Bretter anschauen zu können. Bis dato waren die meisten Partien nicht ohne Reiz; allerdings noch ohne klare Tendenz. Bis auf Renés Brett wo er zeitig die Qualität bei voller Stellungskontrolle gewinnen konnte. Und die Partie im weiteren Verlauf ohne Aufreger trocken zum Sieg runterspielte. Immer das Gleiche, stocksolides Schach ... zur Strafe gibt's kein Diagramm 🙂

Gibt's zugegebenermaßen auch bei Vincent nicht, aber hier gab's schon mehr Stoff für die Analyse. Oder hätte es geben können ... aber in guter Stellung schob Vincent einen kleineren Verrechner ein, wonach die Stellung immer noch völlig akzeptabel aber deutlich offener wird. Darauf folgte ein Remisangebot seitens Vincents, welches angenommen wurde.

"Doc" Micha hatte mit Schwarz eine Stellung "Straight outta Berlin" oder zumindest dem Umland auf dem Brett:

Aus Ausgleich für die Aufgabe des Läuferpaares hat Schwarz dem Weißen die Bauernstellung am Königsflügel entwertet. Der Rechner findet das auch alles prima für Schwarz im Sinne von "fast ausgeglichen" aber in der Praxis scheint es sich für Weiß mit dem starken Zentrum doch einfacher zu spielen und so kam es dann auch. Micha konnte sich mit knapper Not ins Remis retten.

Fadi hatte mit Weiß derweil sehr schön den Wolgadampfer des Gegners in die Bucht mit der leichten Brise und freundlichem Sonnenschein manövriert: Bauern auf a2, b3 und ein Sc3 der kaum zu vertreiben schien. Sogar die schwarzfeldrigen Läufer waren schon abgetauscht. Alle Zeit der Welt, die Bauern am Königsflügel Wellen schlagen zu lassen, was auch programmgemäß auf's Brett kam. Dann auch noch ein weißer Springerzug mit Doppelangriff auf beide schwarzen Türme - und der eine Turm schlägt einen Bauern mit Angriff auf Fadis Dame. Kein Quallengewinn, dafür Bauer weg ... und eine halbe Stunde später die Partie. Hmm.

Thomas hatte eine silizianische Schwarzpartie, in der Weiß für meinen Geschmack aber nicht ausreichend genervt wird. Und dann ist es immer das Gleiche: Weiß konzentriert im Zentrum alles, was kein König ist und bricht dann entweder da durch oder versucht sich am schwarzen Königsflügel. Ganz gewiefte Weißspieler kombinieren diese Methoden sogar! Das Ergebnis ist in jedem Fall unerfreulich für Schwarz, aber Thomas konnte die Stellung solide halten und genug Drohungen aufstellen, so dass sein Remisangebot angenommen wurden.

So. Viel Text seit dem letzten Diagramm, daher jetzt meins, bevor wir zu den beiden interessantesten Partien der Runde kommen:

Mit Schwarz war mein letzter Zug 18. ... Tfe8. Die weiße Drohung 19. Sxe4 hatte ich zur Kenntnis genommen: Direkt 19. ... Sxe4 rückschlagen verliert relativ klar den Bauer wegen 20. Txc8 Txc8 21. Txe4.

Gut, statt gleich 19. ... Sxe4 kann ich natürlich auch 19. ... Txc1 spielen, aber der weiße Springer greift ja auch meine Dame an. Da fressen wir uns gegenseitig durch's Material, wer behält da am Ende was ... ach nee! Auf 20. Sxd6 geb ich doch einfach mit 20. ... Txe1 Schach und sofortigem Gewinn. Alles gut 🙂

Nee, nix ist gut. Völliger Unsinn das alles - 19. ... Txc1 verliert sofort (warum, findet Ihr auch alleine raus :-)). Aber entweder hatte mein Gegner auch nicht besser gerechnet als ich oder erhoffte sich sogar noch mehr als in obiger Variante. Daher 19. f3 exf3 und 20. Dxf3?. Weiß sollte unbedingt ein Turmpaar mit 20. Txe8 tauschen. Stattdessen meinerseits 20. ... Txe1 20. Txe1 und dann 20. ... Db4! und Pech in der weißen Stellung:

Alles steht so doof, dass Schwarz die beiden weißen Zentrumsbauern gewinnt und sich der schwarze König immer noch nicht wirklich wohl fühlt. 22. Te3 Dxd4 und nun 23. h3?? mit Luftlochintention aber natürlich 23. ... Txc3 und 0-1

Timon hatte eine Partie, der allein man sicher diese 5 Seiten zum Punktspiel widmen kann. Als ich das erste Mal auf's Brett schaute, sah es schon sehr ungewöhnlich und nicht so schlecht für Timon aus: Sehr luftige Stellung und kurz rochierter gegnerischer König bei halboffener f-Linie, schwarzer h-Bauer auf der vierten Reihe und schwarze Dame und Springer mit aussichtsreichen Ambitionen. Nicht, dass Weiß gar nichts gehabt hätte, aber wenn das Ding 5 Züge später durch gewesen wäre, hätte ich mich nicht gewundert.

Aber 10 Züge später waren auf einmal die Damen vom Brett und Weiß hat einen Mehrbauern. Immer noch alles recht wild ... okay, bekommt man sicher irgendwie wieder, den Wicht ... hmm, nee, doch nicht. Gut, solider Mehrbauer Weiß, aber Springer und Turm haben gutes Schwindel- ääähh, Gegenspielpotential. Der Gegner hatte was gegen das Gegenspiel und raus kam diese Stellung:

In der Weiß 1. Tf8? spielt. Wir hatten glaube ich exakt die gleiche Analyse vor ein paar Monaten, wo Frank sehr instruktiv 1. Kf1 ("warten") Kg7 ("einziger Zug") und erst dann 2. Tc8 Txa7 3. Tc4 angibt. Der b-Bauer ist nicht zu verteidigen und die 2 gesunden Mehrbauern gewinnen.

So 1. Txa7 2. Tf4 Tg7 3. Kf2. Jetzt - gleichfalls instruktiv und gut gerechnet von Timon - 3. ... g3+ Den Bauern decken mit 3. ... Ka6 4. Kb3 Ka5 wird nix wegen 5. Tc5+ Ka6 6. Ka4 und Weiß holt den schwarzen Bauern ab. So wird es ein weißer Doppel(mehr)bauer und Timon schafft das Remis.

Die interessanteste Partie zum Schluß (wer liest noch, wer ist noch wach?) ist Falk seine, die irgendwann so aussah:

Das entscheidende Element ist natürlich der Bauer auf c7. Schwarz hat gerade 1. ... Te5 gespielt und den Läufer angegriffen. Der doofe Rechner spuckt gleich mal eine nicht ganz einfache aber sehr schöne Lösung aus - bitte selber finden 🙂

Se6 ist es nicht - sieht hübsch aus, aber Schwarz kann es mit Kf7 halbwegs ignorieren. Stattdessen die "normale" Zugfolge 2. Sb3 Te1+ 3. Txe1 Lxe1 4. Kf1 5. Lc3 und das sieht immer noch ziemlich gewonnen für Weiß aus - Springer an den a7 gebunden, b4 auf einem schwarzen (Läufer)feld. Der Rechenknecht behauptet trocken "Weiß ordentlich besser, aber gewonnen ist es noch nicht".

Aber ehe wir hier noch 5 weitere Bildschirmseiten mit Analysen füllen, als Abschluss das Fazit, dass Falk die Partie gewann - ist halt praktisch sehr schwer für Schwarz. Und damit ein 5:3 als Ergebnis eines, ähem, nicht fehlerfreien aber erfolgreichen Punktspiels.

3 Gedanken zu “Sonntags bei Grün-Weiß …

  1. Frank Müller

    Lieber Sven, danke für den - wie immer - anschaulichen Bericht und Gratulation zu einer - so viel kann man schon sagen - wieder einmal überzeugenden Saison der 2. Mannschaft!
    Danke auch für die interessante Schachaufgabe, die mir den Entzug im Urlaub erleichtert hat. Ich versuche mich mal an einem Lösungsvorschlag - wenn der stimmt, hast Du uns allerdings in die Irre geführt, denn das entscheidende Stellungselement wäre dann der Ba6 😉
    Dementsprechend wäre dieser mit 2. L:a7 freizuschaufeln, nach der möglichen Folge 2.- S:a7 3. Sc6 Tc5 4. S:a7 T:c7 5. Td8+ Kf7 6. Sb5 Tc5 7. a7 Le5 muss Weiß allerdings noch 8. g3 finden, sonst kann er die Partie gar noch verlieren 😉 Müsste so ungefähr funktionieren, oder habe ich was übersehen?

    Antwort
    1. Frank Müller

      Ich kommentiere gleich noch mal meinen eigenen Kommentar 😉
      Mir ist noch aufgefallen, dass nach 2. L:a7 Td5 durchaus eine relevante Entgegnung darstellt. Sollte nach 3. Lc5 T:c5 4. Se6 Tc4 5. Td8+ Kf7 6. T:c8 Le5 7. g3 (oder gar 7. f4) aber trotzdem funktionieren, oder?

      Antwort

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