Ernüchternder Saisonstart in der Oberliga

Die 1. Mannschaft scheint auch in diesem Jahr ihren Ruf als Fahrstuhlmannschaft bestätigen zu wollen und hat am Sonntag schon mal mit ziemlichem Nachdruck auf den Button mit der Aufschrift "Sachsenliga" gehämmert.

Unser von Beginn an sehr überschaubarer Vorrat an Optimismus erhielt zunächst eine kleine Aufstockung. Nicht nur uns fehlten zwei wichtige Stammspieler, auch die Dessauer Gastgeber waren arg dezimiert - u.a. fehlten die beiden ersten Bretter. Da waren wir schon fast ein bisschen die Favoriten.

Davon sollte sich dann am Brett allerdings wenig zeigen - keiner von uns kam auch nur in die Nähe eines Sieges (mich eingeschlossen - dazu später noch mehr). So kam dann in der "decision time" eigentlich auch keine echte Spannung auf - weswegen ich auch heute mal auf eine chronologische Schilderung verzichte und statt dessen die Bretter von hinten her abschreite:


Unsere Ersatzspieler Florian und Dirk machten beide einen guten Job. Dirk stand nach meinem Eindruck sogar richtig schick mit seinen schwarzen Steinen, aber dann war es auch schon bald Remis. Florian hielt lange gut mit, musste dann aber doch ein bisschen Lehrgeld zahlen und das ist auch völlig OK so.


Giso hatte schöne Kompensation für den in der Eröffnung geopferten Bauern, aber für einen konvertierbaren Vorteil wollte das irgendwie nicht so recht reichen. Vielleicht hätte er noch ein bisschen weiter spielen können - in der Hoffnung, dass sein erklärtermaßen Bereitschaft habender Gegner vielleicht doch noch anderswo gebraucht würde.


Lars hatte nach meinem Eindruck mit den weißen Steinen eine schöne Position aufgebaut, die ihm hätte liegen sollen. Leider "eroberte" er eine Qualität für zwei Bauern und die lag ihm auch - und zwar schwer im Magen. Verlieren ist bei Lars genauso wie Beißen bei Hunden: Eigentlich tut er das nie! Diesmal hat es aber leider wehgetan.


Fadi kämpfte wie ein Berserker in einem Schwerfigurenendspiel (naja - Endspiel - es waren wirklich ALLE Schwerfiguren!), aber der Gegner agierte ebenso stark, da war dann leider nicht mehr als ein geteilter Punkt drin.


Neben meiner eigenen Partie wurde mein Blutdruck am stärksten von Carstens Partie in Mitleidenschaft gezogen. Dort wurde das altehrwürdige Traxler-Gambit zelebriert und dementsprechend flogen die Fetzen. Sagen wir es mal so - ich hätte keine größeren Geldbeträge darauf gesetzt, dass Carsten das irgendwie übersteht, OBWOHL ich eigentlich immer daran glaube, dass er ALLES übersteht. Vielleicht war aber auch alles völlig normal und Theorie seit dem 19. Jahrhundert, wer weiß das schon! Dann aber hatte ich mal kurz nicht hingeschaut - und plötzlich stand ein Turmendspiel mit Mehrbauern für ihn auf dem Brett. Leider eben ein Turmendspiel - und die sind ja nun mal immer Remis.


Ein vergleichsweise unspektakuläres Remis gab es bei Thomas an Brett 2 zu bestaunen. Er wollte es - noch geschwächt von einer gerade überstandenen Erkrankung und mit den schwarzen Steinen - nicht übertreiben und ließ die Kahn bereits zu einem Zeitpunkt in den Remishafen trudeln, zu dem man das noch für eine mannschaftsdienliche Maßnahme halten durfte

Meine eigene Partie gegen den in Würde gereiften und dabei um etliche Ratingpunkte erschlankten, aber jederzeit gefährlichen FM Harald Matthey ließ sich zunächst nicht schlecht an. Den spürbaren Eröffnungsvorteil vertändelte ich allerdings im Mittelspiel zum größeren Teil gegen einen gut disponierten Gegner. In der Folge kam ich zu der ernüchternden Erkenntnis, dass anderthalb Jahre Blitzschachtraining im Netz keine Spuren hinterlassen haben - bei mir wurde wieder die Zeit knapp, ich verlor völlig die Kontrolle und wurde von Harald böse ausgekontert. Ich werde den Verdacht nicht los, dass das schon bei seiner eigenwilligen Eröffnungsbehandlung der Plan war. Kurz nach der Zeitkontrolle stand dann folgende für mich deprimierende Position auf dem Brett:

Ich verzichtete auf die unmittelbare Aufgabe, um wenigstens mit 42. a4 noch mal Dauerschach zu drohen (42.- c2 43. Dg3+ Kf8 43. Da3+). Zu meiner gelinden Überraschung saß Harald nun ca. eine halbe Stunde vor dem Brett und dachte angestrengt nach - nachdem er zuvor sehr zügig und sicher agiert hatte. Ich schöpfte leise Hoffnung: Ist 42.- Lb3 doch nicht so klar, wie es aussieht? Aber warum?! Und dann plötzlich zog er: 42.- a5! Das Ausrufezeichen ist ein Satzzeichen, versteht sich. Ich versuchte gar nicht erst, diesen Zug zu verstehen, sondern zog recht schnell das ohnehin alternativlose 43. f5, wonach die Stellung schon wieder ausgeglichen ist. Tatsächlich war die Partie für mich nach 43.- Lb3 44. Dg3+ Kf8 45. e6 schon angenehmer zu spielen, da ich eigentlich immer ein Dauerschach in der Hinterhand hatte und gegen einen von seiner eigenen Fehlleistung mutmaßlich konsternierten Gegner noch ein bisschen stochern konnte. Harald ließ sich aber überhaupt nicht beeindrucken, sodass nach der Zeitkontrolle im 60. Zug eine objektiv ausgeglichene Stellung auf dem Brett stand. Nur dass es keine "Zeitkontrolle" war - anders als in früheren Jahren gab es neben dem Inkrement von 30 Sekunden nämlich nach dem 60. Zug keine Zeitgutschrift mehr. Die entsprechende Ansage des Schiedsrichters vor der Runde hatte Harald aber offenkundig überhört und so überschritt er die Zeit und bescherte uns einen kuriosen und leider völlig wertlosen Punkt. Immerhin wurden wir durch die Partie um eine recht eigenwillige Zugsequenz bereichert, als zwei Gegner auf dem Höhepunkt eines scharfen Tempokampfs mit den Zügen a3-a4 und a6-a5 für einen Augenblick innezuhalten scheinen, so als ginge es darum, den Gegner im Endspiel auszutempieren - nur um im nächsten Moment dann wieder aufeinander einzudreschen. Harald hatte übrigens nach der Partie auch keine rechte Erklärung für seinen 42. Zug.

Am Ende klingt das 3,5 : 4,5 also ein wenig knapper als es wirklich war. Kann (hoffentlich!) nur besser werden - die Gegner werden es aber leider auch....

I

Ein Gedanke zu “Ernüchternder Saisonstart in der Oberliga

  1. Bauer, Timon

    Danke für den Bericht, lieber Frank!

    Die Niederlage tut natürlich sehr weh, auch mir. Dein Dauerschachmotiv mit der doppelten Räumung der dritten Reihe fand ich sehr schön, danke dafür! Das hätte ich vermutlich auch mit fünf Stunden auf der Uhr nicht gefunden. Ich wünsche euch, dass ihr gegen die kommenden Gegner (irgendwie) zu Punkten kommt ...

    Liebe Grüße
    Timon 🙂

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.